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Medizinethische Materialien 


 

Heft 125: Spittler, Johann F.: Locked-in-Syndrom und Bewusstsein - in dubio pro vita. August 2000

 
Dargestellt wird Verlauf einer Basilaris-Thrombose bei einer 68-jährigen Patientin mit Ausbildung eines Locked-In-Syndromes. Trotz Aufforderungs-befolgenden prompten Öffnens bzw. Schließens der Augen waren inhaltlich differenzierende Antworten mit Kodierung für ,Ja' oder ,Nein' nicht zu erreichen. Die Varianten des inkompletten, des typischen und des kompletten Locked-In-Syndroms werden unter der Frage nach dem menschlichen Bewußtsein betrachtet. Nach versuchs-weiser Extubation war die Atmung der Patientin erheblich behindert. Trotz Bedenken wegen der zweifelhaften Prognose wurde re-intubiert. Aus dem Konflikt zwischen sich akut aufdrängendem Therapie-Bedürf­nis und zu erwartendem ungünstigem Verlauf wird die Unausweich­lichkeit nicht regelrecht auflösbarer ethischer Dilemmata entwickelt.
Arztliche Entscheidungen haben, wenn sie moralisch richtig bzw. juristisch sicher - ,Im Zweifel für das Leben!' - gefällt werden, oft nicht vordergründige, aber unentrinnbare Konsequenzen für den Patienten:
Das Interventionsvermögen der modernen Medizin bewirkt - wenn ,alles Menschenmögliche getan' wird - oft auch eine Verlängerung von Leiden. Zwischen Lebensverlängerung und Leidensminderung muß abgewogen werden, sonst wird die aus der moralisch hochangesehenen Lebensverlängerung resultierende Leidensverlängerung aus dem Krankenhaus in ein Pflegeheim verdrängt. Medizinische Ethik hat nicht nur Logik und Ästhetik systematischer Wertkonzepte zu debattieren, sondern muß Arzte befähigen, mit den Patienten und ihren Angehörigen Ausgleich und Verständigung zu verwirklichen.

 
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